Donnerstag, 8. Oktober 2015

2015_10_08 Diebstahl

Der Tag ist die Hölle. Ich komme weder zum Schreiben noch zum Besprechen des Aufnahmegeräts. Geschweige denn, dass Interviews mit Flüchtlingen möglich wären. 

Meine eigene gute Jacke aus Softshell verstecke ich bei meinem Dienst in der Mode-Boutique in einer Kiste und lege die RC-Warnweste drüber. Es geht drunter und drüber. Die Flüchtlinge drängen in den Pavillon, wir werden überrannt. Irgendwann habe ich Dienstende. Will meine Jacke holen…. über die freut sich gerade ein Flüchtling und der isr verschwunden. Verflixt, das war eine besonders Gute und auch noch von der Band samt Logo. In den Taschen hatte ich auch noch Utensilien. Aaaah... der Verlust knickt mich sehr.
Der Bengel muss noch im Lager sein. Warte nur du Dieb. Ich warte am Gate, ob nicht einer meine Jacke an hat. "There you're from?" - "Germany" - "Ooooh.... you are from Angela Merkel". 
Sogar die Polizei hilft schauen. Die Jacke der Kasper-Frau fehlt, Empörung. Eine Ersatzjacke habe ich dem vermutlich unfreiwilligen Dieb mitgebracht. Frieren soll er auch nicht. 
Vergebens. 
Es ist kalt. Ich besorge mir eine karierte Jacke aus dem Lager. 
Aber ich soll nicht die einzige Helferin bleiben, deren Jacke Füße bekommt. 
Mittlerweile nehme ich den Verlust mit Humor :-)  

Sollte ich aber einmal einen Flüchtling mit meiner Bandjacke sehen, dann ist was los! 


Ein gehbehinderter Flüchtling wird gestützt.

Am liebsten ganz schnell ins gelobte Land.

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Mittwoch, 7. Oktober 2015

2015_10_07 dehydrierte Kinder

Ab 9 Uhr habe ich Schicht.
Gleich ist wieder Katzenwäsche angesagt.
Mal sehen, wie der Tag wird.

Im Klamottenzelt ist nach kurzer Zeit die Hölle los. Der grüne Sektor wird belegt. Es geht rund.
Die Menschen tragen die letzten Latschen. Löchrig, durchnässt, die Sohlen lösen sich.

"Sorry, we have only shoes for people who have no shoes. Your shoes are good enough".

Die Polizei sichert den Eingang. Dann dürfen immer ein paar Leute kommen.
Auf geht's bitte, "Jalla".

Nachmittags gehe ich mit Christina von Magna in die andere Zone. Kasper ist dabei und die Kleinen lachen sich schief.
Ich stehe am Eingang und sehe einen Vater mit einem Baby in der Babytrage. Das Krümelchen ist total dehydriert. 
Hallo Adrenalin! Aufwachen!
Jetzt schnell Hilfe holen. Christina flitzt auch los.
Babynahrung und spezielle Nahrung zum Aufpäppeln brauchen wir.
Ist es tot? Ich flenne um das Baby, das ist zuviel.
Eine Minute durchschnaufen, dann geht es weiter.
Trinkt das Kind?
Reagiert es?
Es schießt Leben ins Baby.
Uff....

Kasper spaziert weiter durch das Lager. Ein Mann sitzt im Rollstuhl. Ein Bein ist verbunden, das andere fehlt. "Push.... a bomb in Syria", werde ich aufgeklärt.
Er muss zur Toilette? Ich weiß, wie die Klobolde aussehen. Oh Mann....
Sein Freund oder Bruder nickt mir zu, irgendwie kriegen sie das hin.

Ein Junge, ca. sehn Jahre alt, wird im Rollstuhl geschoben. Der Kleine zeigt spastische Lähmungen auf. Der Vater trug ihn hierher, von Irak aus nach Kroatien und immer weiter.

Kasper schaut in die Zelte und sorgt für gute Laune. Die Kinder quietschen vor Spaß, die Erwachsenen auch, sogar Polizei und RK kichert.
Ich komme mit Kasper in ein neues Zeit. Eine Mutter hat ihr Mädchen im Arm, ihr Blick ist lethargisch und verwirrt.
Die Kleine ist knapp zwei Jahre alt.
Ihre Augen und der Mund sind geöffnet, sie atmet flach.
Dehydriert!
Schon wieder!
Wieder muss es schnell gehen.
Spezielle Babynahrung wird besorgt.
Das Mädchen trinkt.
Die Mutter fragt etwas auf arabisch. Wir sind ratlos. Ein Mann im Zelt übersetzt, dass sie eine spezielle Babynahrung, eine Marke, aus Ihrer Heimat möchte. Oh Mann...
Ich verdrehe die Augen.
Die Kleine ist wieder lebendig.
Ich gehe.

Am Gate zu den Bussen verabschiedet der Kasper die Kinder - und kontrolliert, ob alle Krümelchen Socken, Mütze und Jacken haben.

Später trinke ich etwas vom selbst gemachten Wein von einer lieben einheimischen Helferin.
Ich bin 49.
Happy Birthday, Karin.


Bomb, push....

Zum Glück versorgt ihn sein Freund.

Wie witzig. Das Militär trägt ein komplettes Zelt über den Erdwall.

Geschafft!

Der Inhalt des Zeltes wird erst danach aufgeräumt.

Kinder trösten.

Kasper bei der Arbeit.

Wenn Zeit ist wird gemalt und Kinder dürfen Kinder sein.

Blödeln im Nachbarssektor.

Badezimmer....

Wie lange bleiben wir hier? - Ich habe keine Ahnung.

Zähne putzen!

Die Ungewissheit quält.

Mitten in der Flüchtlings-Pipeline nach Europa.

Der Bildungsstand ist enorm hoch.

Wie Vieh werden die Menschen angetrieben und warten Stunden.

Mitten in der Nacht.

Für das Foto muss ich mich verdrücken, sonst erwischt mich die Polizei.

Pflaster klebt, Kind gerettet.

Kasper liebt Kinder "Selam"

Und immer wieder desinfizieren, um keine Krankheiten zu übertragen.

Macht Spaß :-)

Die Kleinen ertragen unendliche Strapazen. 

Kinder sollen behütet werden und nicht flüchten müssen.

Die Busse fahren die Menschen nach Tovarnik an den Bahnhof.

Von Tovarnik aus fährt der Zug an die ungarische Grenze. Nach Zakany müssen die Flüchtenden mitten in der Nacht einen morastigen Weg laufen, auf dem sie knöcheltief einsinken. 

Endlich geht es weiter.




Dienstag, 6. Oktober 2015

2015_10_06 Verstärkung und knallharte Kindheit

Ab 9 Uhr bin ich mit einer weiteren Mitarbeiterin in der "Mode-Boutique".
Es ist nichts los, aber es sieht verheerend aus.
Nachts muss hier die Post abgegangen sein.
Wir schaffen Ordnung, sortieren unnötigen Krempel aus und puschen das System. Nach ein paar Stunden ist das Chaos beseitigt.

Radio Hit Antenne Ohr ruft an und will ein Interview. Viel zu kurz und ich kann die Lage gar nicht richtig schildern, weil ich ständig unterbrochen werde. Ich sage, dass wir in Opatovac Schuhe und Jacken brauchen. Vielleicht tut sich was?
Dann kommen neue Flüchtlinge ins Lager.  

Wir brauchen Polizeischutz vor dem Zelt, damit von den Menschen eine Linie gehalten wird. 
Man muss sich vorstellen, dass die Flüchtlinge unter einem abartigen Stress stehen. Schlimm sind die Kinder. Man sieht Ihnen die Strapazen an, sie wirken erschöpft.
Ein Junge, vielleicht acht Jahre, kommt mit seinem kleinen Bruder an. Er deckt sich zielbewusst mit sinnvoller Kleidung ein, den Bruder auch.
Noch ein Spielzeug? (Haben wir gerade)
Nein. Besser sind Pflaster, Taschentücher und Regentage.
Der kleine Junge kalkuliert wie ein Erwachsener.
Wo ist die Kindheit dieses kleinen tapferen Kämpfers hin?
Wie wird er sich in Deutschland - oder wo auch immer - entwickeln?

Ein Schwung voll Leute hat uns verlassen. Abends kommen neue Helfer, sie haben Hilfsgüter dabei. Darunter MÄNNERSCHUHE! 
Ein paar wenigstens. Ein total lieber Syrer kommt ins Zelt. Mit Flip-flops. Ich verdrehe die Augen. WO VERDAMMT HAST DU DEINE GUTEN SCHUHE?
Seine stabilen Schuhe sind im Mittelmeer abgesoffen, als das Boot kenterte, gesteht er ein.
Aber super warme und stabile Boots werden aufgetrieben. Und warme Socken!
Ich freue mich riesig für ihn.
Was für ein unglaublicher Glückspilz. 

Ich gehöre jetzt zu den alten Hasen. Fünf der neuen Volunteers zeige ich das Lager. Die Schichten werden neu aufgeteilt. Die Nacht und der nächste Tag sind gesichert. Morgens werden sie beim RC ihre Akkreditierung bekommen. 

Eine Truppe bricht nachts nach Serbien auf.

Die Sektoren des Camps.

Unser "Sektor" bei gutem Wetter...




Montag, 5. Oktober 2015

2015_10_05 Heimweh

Heute werden wieder 5500 Leute im grünen Sektor erwartet. Am Gate warten Flüchtlinge auf den weiteren Weg mit dem Bus und das rund um die Uhr. Ich sehe ein Baby ohne Socken und Schuhe, dafür mit eiskalten Füßen.... Überhaupt muss man darauf achten, dass die Familien ihre Kinder vernünftig anziehen.
Neulich nachts um 3 stand ein Kleinkind ohne Jacke,  Hose, Socken und Schuhe am Eingang. Ich wollte schon Klamotten besorgen,  da meinte die Mutter - im geschlossenen Anorak - es sei nicht nötig und sie habe Sachen da. Habe ihr dann befohlen, der Maus die Klamotten anzuziehen.  Hat sie gemacht. Aber kapiert?

Wir arbeiten bis zum Abwinken. Abends stehe ich mit Kasper am Gate und checke, ob die Babys alle Socken haben.

Dabei suche ich das Gespräch.
Wo kommst du her? (Syrien,  Afghanistan, Iran, Irak, Libanon)
Weshalb fliehst du?  (Taliban, Krieg und Terror, Angst)
Wo willst du hin? (Deutschland,  Holland,  Schweden, Österreich)
Was willst du dort machen? (LEBEN, Job, finden, Studium fortsetzen).

Viele Syrer sind gebildet, haben gute Berufe die wir in Deutschland dringend brauchen.In punkto Anstand können sich eine Menge Deutscher eine Scheibe abschneiden. Die Bildung der anderen Volksgruppen ist häufig niedriger. Hilfe brauchen die Menschen trotzdem!
Manchmal sind es ganze Familien mitsamt Oma und Opa am Stock.

So langsam kann ich die Volksgruppen auseinander halten. Ein junger Afghane steht im Lager.
Hey, wie geht es dir?
Er hat seine Familie in der Türkei verloren, weint fast. Er hat so schrecklich Heimweh. Er will nach Hause, seine Familie wieder haben. Was soll er nur machen? Der nächste Bus rückt an, er muss sich richten. Der traurige Afghane muss weiter Richtung Deutschland.
Als Flüchtling ist man hier in einer Einbahnstraße.
Take care, boy.

In der Mode-Boutique helfen gemalte Symbole bei der Auswahl der Klamotten. Wenn nicht viel los ist, lassen wir die Flüchtlinge auch herein, um selbst ihren Bedarf wählen zu können. Bei Andrang klappt das nicht.

Schuhe können wir nur selten abgeben, einfach mangels Masse. Eine Lösung ist die Plastiktüte. Einen trockenen Strumpf - sofern vorhanden - in eine Plastiktüte stecken. Ab damit in den alten dreckigen und nassen Schuh. Weiter geht die Reise. Sorry, wir können nicht mehr tun.

Mit frischen Socken in den Jackentaschen suche die Kinder, die mit ihren Familien in der Schlange auf die Busse warten. Kasper ist dabei und kontrolliert, ob auch alle Schuhe oder wenigstens warme Socken über die Füßchen angezogen bekommen haben. Pro Busladung Flüchtlinge muss ich Socken herausrücken.

Was ist denn das? Ein junger Syrer mit einem Rucksack, einer Bauchtasche und einer Plastiktüte. Und einem Geigenkasten. Darf ich ein Foto machen? Ich darf.
Wir tauschen noch schnell unsere Facebook-Kontakte aus.
Machs gut, take care!  

Es ist nicht der erste Musiker den ich sehe. Das erste war ein kleines Mädchen mit ihrer Melodika. Andere hatten allerlei Zupfinstrumente gut verpackt dabei, die ganze Reise lang.  




Die Geige muss mit nach Deutschland.



Sorry, I have no shoes.... oh, let me see, if I can help you....

Irgendwie braucht die Frau Schuhe. Die Socken sind gerade alle.

Musterschuh: Plan B bei nassen Schuhen.


Für wen braucht man ein Kleidungsstück?

Was genau brauchst du?

Sonntag, 4. Oktober 2015

2015_10_04 Waschtag

Ich kann nur bis 9 Uhr schlafen. Nur vier Stunden Schlaf reicht normal nicht. Meine Schulter wieder zickt herum und ich werfe Ibu ein.
Kaffee und Katzenwäsche und Desinfektionsmittel, dann zieht es mich wieder ins Lager. 
Was machen die Kinder? 
Wie läuft es am Stand? 
Wie geht es den Menschen? 

Später Überraschung: Wir bekommen Besuch Christian und Paul sind seit einer Woche mit Fahrrädern unterwegs. Auf wirklich alten Geppeln. Sie sind inspiriert von den politischen Ereignissen, wollen den Weg der Flüchtlinge rückwärts erkunden. Gerne sind die Österreicher für ein Interview bereit.
Falls Ihr das einmal lest… Danke Jungs!
Christian stammt aus Linz in Österreich an der Donau. Von Wien aus sind die Beiden losgefahren, der Flüchtlingsroute entgegen. Vor drei Jahren ist Christian schon von Linz nach Barcelona geradelt. Alleine. Für diese Tour Linz-Balkan-Thessaloniki wollte er verständlicher Weise nicht alleine sein.
Paul ist 24 Jahre jung und Fotograf. Das hatte sich gut ergeben, dass Christian das sportliche Projekt vor hatte. Paul wollte ohnehin das Thema Flüchtlinge fotografisch erarbeiten.
Radl fährt der Paul jeden Tag, aber nicht solche Distanzen und Herausforderungen wie Reifen wechseln und Schlauch pflegen. In Etappen fahren Paul und Christian mehr nördliche Route ab. Die Beiden waren schon in Wien. Dann am Grenzübergang Nickelsdorf – Hegeschalom, wo sie die erste Nacht in Bruchbude der ehemaligen Grenzstation übernachteten. Abseits der Straße haben Cristian und Paul keine Flüchtlinge gesehen. In Nickelsdorf haben sie zwar Flüchtlinge gesehen, konnte aber nicht mit ihnen sprechen.
Weiter ging es der Donau entlang bis zur ungarisch-serbischen Grenze. Interessiert hatte sie die Meinung der ungarischen Bevölkerung, verrät Christian. Ausgerechnet die Menschen, die Ungarn, auf die halb Europa mit dem Finger zeigt und sie als Rassisten beschimpft. Meinungen und Einstellungen hörte sich das Duo der Orban-Anhänger an. Teils leiden sie unter falschem Stolz, so ihr Eindruck. Die Sicht auf die Flüchtlinge hänge sich immer an Einzelbeispielen auf. Paul und Christian wollen sich ein eigenes Bild machen. Sprechen in Ungarn mit Verkäufern, mit den Leuten auf dem Campingplatz, in den Radshops, mit Lehrern, mit Ärzten. Alles wirkt sehr aufschlussreich.
Dann nahmen die Lenkräder wieder Kurs nach Kroatien auf, nach Tovarnik. Jemand erzählte vom Lager in Opatovac und so strandeten sie hier.
Heute Nacht finden die Radlfahrer in „unserem“ Camp in Opatovac eine Matratze. Lernen hier uns als Volunteers kennen, schnuppern ins Flüchtlingscamp und packen auch handfest mit an.
Weiter wollen sie am nächsten Tag nach Belgrad. Mit dem Zug geht es dann bequemer Weise nach Mazedonien und von dort aus weiter mit dem Radl nach Thessaloniki.
Gute Fahrt!

Ich drehe meine Runde durch das Camp. Der Kasper begleitet mich ab sofort immer. Viele Kinder erkennen mich von der Nacht. Ich spiele mit Ihnen, bringe sie zum Lachen, mache Quatsch, lenke sie ab. Crazy times.
         
Hinter einem Zelt erstarre ich. Ein Mädchen hat seinen Schal und einige anderen Dinge gewaschen. Zum Trocknen hängt die Kleine die Stoffteile an den Stacheldraht auf. Dahinter sehe ich den Draht durch den Strom fließt. Was für ein irres Bild. Es lässt mich nicht los.


Eine Frau um die 70 kann fast nicht laufen. Hier muss ein Rollstuhl organisiert werden. Das RC hat nur einen Kinderrollstuhl und einen für Erwachsene, das reicht nicht. Ich bekomme nur den Stuhl für Kinder und natürlich ist er zu klein. Bald ist zum Glück der größere Stuhl frei und Oma lacht. „Give me five – Patsch“.
Im Klamottenzelt sind Männerhosen und Männerschuhe nahezu aus. Viele Leute brauchen eine komplette neue Ausstattung. Nach und nach leert sich das Lager mit den 5500 Menschen. 
Wo kommen wir jetzt hin? 
Was passiert mit uns? 
Was antworte ich? 
Zuerst nach Tovarnik, dort mit dem Zug weiter. 
Und dann? Good luck jedenfalls! 

Gegen Mittag bin ich platt und schlafe zwischen Stunden. Kraft tanken. 

Was wird uns heute Nacht erwarten? 

Nachtrag: Der ganz große Ansturm kam nicht,  bzw. alles lief sehr kontrolliert ab. 




Wen dieses Bild nicht berührt....

There do you want to go? - To a place to live!

WLAN-Zelt: Hallo Familie, ich lebe noch! 

Kein Regen.

Wohin bringen Sie uns?

Wo kommen wir hin?

Was macht man dort mit uns?

Kleiderspenden in XXL

Kasper wartet auf die Kinder.

Unruhe im Lager.

Alle weg.

I'm so sorry, we don't have shoes for you.